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Wechsel der Beleuchtung

30. Dezember 2013 - Uncategorized

Florian Neufeldt: Wechsel der Beleuchtung

Den Wunsch eines Leserbriefschreibers der Berliner Zeitung aus dem Jahre1985 ist ein Ausgangspunkt der Setzung, die Florian Neufeldt in den historischen Räumen der Wallstraße vornimmt:

„Spaziert man am Ufer der Spree auf der Fischerinsel, Richtung HOG ‚Fischerkiez’, erfreut man sich der neuen Wohnhäuser Wallstraße direkt am Ufer und blickt dann auf eine richtige ‚Rattenburg’ kurz vor der Brücke, Neue Roßstraße. Meine Frage, wird das alte verwahrloste Gebäude nicht bald abgerissen?”

Diese diametral entgegenstehenden Interessen – auf der einen Seite Abriss und Neubau und auf der anderen Seite die Erhaltung historisch bedeutsamem Bestandes – in der Baugeschichte Berlins immer wieder thematisiert, ignoriert und ideologisiert, nimmt Florian Neufeldt zum Anlass, in die prunkvollen, patinaschweren Räume der Wallstraße 85 ähnlich grob einzugreifen. Ja, man kann fast schon sagen brutalistisch. Dabei spielt nicht nur die Schichtung von Nutzungen unterschiedlichster Natur, Jahre und Stile eine Rolle, sondern vor allem ihre gegenseitige Negierung und Ignoranz.

Die ignorante Hinwegsetzung über die Historie einer gewachsenen Stadt, das Ausradieren architektonischer und baugeschichtlich bedeutsamer Substanz hat in Berlin Methode. Seinen traurigen Höhepunkt hatte dieses unrühmliche  Verhalten sicherlich zu Zeiten der DDR. Doch auch nach dem Mauerfall gibt es noch ausreichend Belege für einen Fortbestand dieser unrühmlichen Praxis.

Genau daran erinnert der Eingriff Florian Neufeldts, und so falsch und schmerzvoll er dem aufgeklärten Betrachter heute scheint, so real ist er unzählige Male gewesen. Seine Arbeit verdeckt das Vorgefundene allerdings nicht vollkommen, sondern lässt es immer noch durchscheinen. Dieses Nebeneinander hat zur Folge, dass es die Dissonanz der unterschiedlichen Schichten scheinbar noch verstärkt.

Dann, ganz plötzlich passiert etwas – und tatsächlich verschwimmen die beiden Ebenen, das Vorgefundene und das Implementierte. Eine unerwartete Spiegelung lässt die Räume allen Einschränkungen zum Trotz auf einmal in die Höhe wachsen. Die Säulen hören nicht auf, ursprüngliche Zwischendecken verschwinden – aus möglichen Räumen sind Möglichkeitsräume geworden.

Ausstellung vom 23. Nov. – 21. Dezember 2013

Copyright Jens Ziehe

Fotos: Jens Ziehe